Irak ruft
auf zu Selbstmordattacken
Bagdad/Washington/London (31.03.03) - Nach dem ersten
Selbstmord-Angriff auf US-Soldaten im Irak-Krieg hat die Führung in
Bagdad zu weiteren Attacken aufgerufen. Tausende «Gotteskrieger» stünden
für Selbstmord-Kommandos
bereit. Erstmals stießen britische Elite-Soldaten mit Panzern ins Zentrum
der südirakischen Millionenstadt Basra vor und zerstörten zwei
überlebensgroße Statuen Saddam Husseins. Bagdad stand auch am Wochenende
rund um die Uhr unter massivem Beschuss. Weltweit gingen wieder
Hunderttausende auf die Straße, um gegen den Krieg zu protestieren. In
unregelmäßigen Abständen erschütterten heftige Explosionen die irakische
Hauptstadt. So wurde laut US-Nachrichtensender CNN ein Stadtteil
bombardiert, in dem vorwiegend Regierungsbeamte wohnen. Südlich der
Metropole mit ihren fünf Millionen Einwohnern flogen die Alliierten
Luftangriffe auf Stellungen der Republikanischen Garden, die dort einen
Verteidigungsring bilden. Neue Berichte zu den amerikanischen Bodentruppen
auf dem Weg nach Bagdad lagen am Sonntag nicht vor. Zuletzt standen
US-Einheiten etwa 100 Kilometer südlich der irakischen Hauptstadt. Kämpfe
wurden auch aus Mosul und Kalak im Nordirak, der zentralirakischen Stadt
Nadschaf und weiter südlich aus Nasirija gemeldet. Nach Pentagon-Angaben
sind in der Golf-Region mehr als 290 000 amerikanische und britische
Soldaten im Einsatz. Laut CNN wurden bis Sonntag mindestens 59
amerikanische und britische Soldaten im Krieg getötet. Von irakischer
Seite lagen keine Angaben über getötete Kämpfer vor. Das irakische
Fernsehen meldete aber, dass seit Kriegsbeginn insgesamt 357 irakische
Zivilisten umgekommen seien. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld
bescheinigte dem US- Oberkommandierenden Tommy Franks eine «wahrhaft
hervorragende Arbeit». Franks wies in Doha (Katar) wachsende Kritik an der
Strategie der Alliierten zurück. Die bisherigen Erfolge der Koalition
seien «bemerkenswert». US-Präsident George W. Bush hatte bereits am Vortag
betont: «Gegen diesen Feind werden wir kein anderes Ergebnis akzeptieren
als einen vollständigen und endgültigen Sieg.» Der irakische
Militärsprecher General Hasem el Rawi sagte bei einer Pressekonferenz in
Bagdad, die Attacke am Samstag auf amerikanische Soldaten sei «nur der
Beginn eines langen Wegs des Dschihads (Heiliger Krieg) gegen die
Invasoren» gewesen. Im Irak bereiteten sich «4000 Gotteskrieger» auf
weitere Einsätze vor. Sie stammten «aus allen arabischen Staaten ohne eine
einzige Ausnahme». Bei Nadschaf hatte sich am Samstag ein Iraker in die
Luft gesprengt und vier US-Soldaten mit in den Tod gerissen. Bei dem Mann
soll es sich um einen Offizier handeln. Er wurde posthum von Saddam mit
Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet. Seine Familie habe vom Regime zur
Belohnung eine größere Geldsumme erhalten, hieß es. Im Nachbarstaat Kuwait
fuhr am Sonntag ein Lastwagenfahrer in eine Gruppe von US-Soldaten und
verletzte mindestens zehn von ihnen. Wie ein US-Militärsprecher in Kuwait
weiter mitteilte, hatten die Soldaten vor einem Geschäft im
El-Udairi-Militärcamp in der kuwaitischen Wüste gewartet. Der Fahrer sei
absichtlich in die Gruppe gefahren. Seine Identität war am
Sonntagnachmittag noch nicht geklärt. Er habe Zivilkleidung getragen.
Britische Streitkräfte verstärkten am Wochenende ihre Angriffe auf die
regierungstreuen Truppen in Basra. Der Kommandeur der dort eingesetzten «Wüstenratten»-Division,
Brigadegeneral Graham Binns, sagte aber, dass er vorerst keine Einnahme
der belagerten Millionenstadt plane. «Ich werde mich nicht nach Basra
hineinziehen lassen und für ein neues Stalingrad oder Grosny sorgen»,
sagte er dem «Sunday Telegraph». In dem Dorf Abu el Kassib südöstlich von
Basra töteten die Briten nach eigenen Angaben einen Oberst der
Republikanischen Garde und nahmen fünf irakische Offiziere gefangen. Einer
davon soll nach Medienberichten ein General sein. Hilfsorganisationen
fürchten eine humanitäre Katastrophe in Basra mit seinen 1,3 Millionen
Einwohnern. In weiten Teilen der Stadt gibt es kein Wasser und keinen
Strom mehr. Eine BBC-Korrespondentin berichtete, dass aus Basra fliehende
Familien am Sonntag erneut beschossen worden seien. Entweder seien sie
gezielt von irakischen Soldaten ins Visier genommen worden oder ins
Kreuzfeuer von Irakern und Briten geraten. Der britische Ex-Außenminister
Robin Cook forderte einen sofortigen Abzug der Truppen aus dem Irak. Der
Krieg sei «blutig und ungerecht», schrieb er in einem Beitrag für die
Zeitung «Sunday Mirror». Die USA und Großbritannien seien gerade dabei,
die gesamte muslimische Welt gegen sich aufzubringen. Ein Sprecher von
Premier Tony Blair wies die Forderung nach einem Truppenabzug umgehend
zurück. Der Krieg werde bis zum Ende durchgezogen. Cook war vor
zweieinhalb Wochen aus Protest gegen den erwarteten Krieg als
Fraktionschef der Labour-Partei zurückgetreten. Auch am Wochenende
demonstrierten weltweit wieder hunderttausende Menschen gegen den
Irak-Krieg. Allein in der marokkanischen Hauptstadt Rabat protestierten
nach Veranstalterangaben 300 000 Menschen; 100 000 demonstrierten in
Jakarta (Indonesien). Die chinesischen Behörden ließen erstmals Proteste
zu. In Deutschland bildeten Demonstranten eine 50 Kilometer lange
Menschenkette von Osnabrück nach Münster - den Städten des Westfälischen
Friedens. Durch Berlin zogen wieder mehr als 45 000 Kriegsgegner.
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